Ingelheimer Kaiserpfalz
von Braveheart09 (Eigenes Werk) [CC0], via Wikimedia Commons
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Die Ingelheimer Kaiserpfalz ist eine bedeutende Pfalz aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts; sie diente den Kaisern und Königen bis ins 11. Jahrhundert als Aufenthalts- und Regierungsort. Der Pfalzkomplex liegt im heutigen Nieder-Ingelheim, 15 km westlich von Mainz, in der Flur „Im Saal“ auf einem Hang mit weiter Aussicht auf die Rheinebene. Von den Gebäuden der Kaiserpfalz sind eindrucksvolle Reste bis heute oberirdisch erhalten. Der größere Teil der Anlage liegt als Fundament unter der Erde und erlaubt es aufgrund von archäologischen Grabungen, die Gesamtanlage zu rekonstruieren.

Erste Untersuchungen im Pfalzgebiet fanden bereits Mitte des 19. Jahrhunderts statt: 1852 berichtete August von Cohausen von ersten kleineren Grabungen. 1888/89 schloss sich Paul Clemen mit Grabungen an. Der deutsche Verein für Kunstwissenschaft begann 1909 unter der Leitung von Christian Rauch mit systematischen Untersuchungen, die aber mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges eingestellt werden mussten. Rauch veröffentlichte jedoch noch Vorberichte zur Ausgrabung, nach denen 1931/32 ein Modell angefertigt wurde, das bis 1975 als Abbild einer typisch karolingischen Pfalz angesehen wurde. 1960 wurden die Grabungen unter der Leitung von Walter Sage mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft wieder aufgenommen. 1963 leitete Hermann Ament die Ausgrabungen. 1965 und 1968/70 fanden weitere archäologische Untersuchungen unter der Leitung von Uta Wengenroth-Weimann statt. Nach einem Gesamtplan dieser Grabungskampagne und Rekonstruktionszeichnungen von Walter Sage fertigte Konrad Weidemann 1975 ein weiteres Modell der Kaiserpfalz Ingelheim an. Seit 1995 gibt es wieder aktuelle Grabungen im Pfalzgebiet. Diese Untersuchungen zielen auf eine erneute Erfassung, Beschreibung und Datierung der einzelnen Gebäudeteile und der Gesamttopographie ab und brachten schon einige Funde zutage. Es konnte zum Beispiel eine Goldmünze und eine Riemenzunge aus der Zeit Karls des Großen , sowie eine hochmittelalterliche Warmluftheizung geborgen werden. Zudem wurden die neuesten Grabungsergebnisse genutzt, um im letzten Jahr ein neues Rekonstruktionsmodell der Pfalz Ingelheim zu schaffen, in das aktuelle Erkenntnisse eingeflossen sind.

 

Der Pfalzbezirk liegt in Nieder-Ingelheim im Bereich der Flur "Im Saal". Hier lagen in fränkischer Zeit acht Hofgruppen mit zugehörigen Gräberfeldern, die sich im 8. Jahrhundert weitgehend in königlichem Besitz befanden.

In den Schriftquellen hören wir von Ingelheim aus dem Jahre 742/43, dass König Karlmann die Remigiuskirche in Nieder-Ingelheim mit 25 anderen Kirchen und Kapellen dem neu gegründeten Bistum Würzburg geschenkt habe. Dies ist die erste Erwähnung der Ingelheimer Remigiuskirche in den Quellen. Ingelheim lag zu dieser Zeit in einem Kerngebiet der fränkischen Herrschaft. Das zur Kirche gehörende Hofgut war als Krongut für den König wichtig, da es ganz in der Nähe der wichtigen Stadt Mainz lag. Die Anwesenheit Karls des Großen in Ingelheim ist erstmals für den September 774 belegt. Er machte dort kurz Station auf dem Rückweg von seinem ersten Italienzug über Speyer und Lorsch. Ende des Jahres 787 verweilte er erneut in Ingelheim, diesmal jedoch weitaus länger. Er verbrachte hier Weihnachten und blieb auch über den Winter ohne Unterbrechung bis zur Jahresmitte 788. In diese Zeit fiel auch die große Reichsversammlung vom Juni 788, auf der Herzog Tassilo III. von Bayern wegen Hochverrats zum Tode verurteilt wurde (er wurde letztendlich von Karl dem Großen zu Klosterhaft begnadigt). Die Länge und die Bedeutung des Aufenthaltes durch das Feiern des Weihnachts- und Osterfestes und der hier stattgefundenen Reichsversammlung setzten das Vorhandensein repräsentativer Pfalzgebäude und eine ausreichende Versorgung der umliegenden Höfe voraus. Aus den Schriftquellen wissen wir, dass Karl der Große tatsächlich eine Pfalz in Ingelheim erbauen ließ, denn der Bau einer solchen wird von Einhard in seiner „Vita Karoli Magni“ in die Reihe der wichtigsten Bauleistungen Karls des Großen gestellt. Einhards Ausdrucksweise lässt darauf schließen, dass die Baumaßnahmen nicht vor 814 fertig gestellt waren. Nach seinem langen Aufenthalt im Jahre 787/88 wurde die Pfalz Ingelheim jedoch nicht mehr als Winterquartier genutzt. Im August 807 versammelte Karl der Große aber noch einmal seinen Hoftag in Ingelheim .

Von Ludwig dem Frommen wurde Ingelheim zwischen 817 und 840 nachweislich zehnmal besucht, meist im Sommer. Unter seinen Besuchen gab es fünf Reichsversammlungen und vier Gesandtschaftsempfänge. Eine in Ingelheim vollzogene Reichsversammlung im Sommer 826 war ein Höhepunkt in der Regierungszeit Ludwigs. Bei dieser Veranstaltung war unter anderem der dänische König Harald anwesend, der sich bei diesem Anlass im Stift St. Alban vor Mainz taufen ließ. Am 20. Juni 840 starb Ludwig der Fromme auf einer Ingelheim vorgelagerten Rheininsel.

Der aquitanische Mönch Ermoldus Nigellus beschreibt in einem seiner 826/828 abgefassten Lobgedicht über Ludwig den Frommen auch die Kaiserpfalz Ingelheim im Zusammenhang mit dem Bericht über die Taufe König Haralds 826. Ganz besonders ausführlich beschreibt er zwei Zyklen von Wandbildern der regia domus (Reichssaal) und einer aula dei (Kirche). (Buch IV, 179-282)

Die späten Karolinger sind insgesamt nur sieben Mal in der Ingelheimer Kaiserpfalz nachweisbar.

Die merowingerzeitlichen Hofgruppen des 7. Jahrhunderts wurden zugunsten des Baus der Pfalz im letzten Viertel des 8. Jahrhunderts abgerissen. Der Kernbezirk der Pfalz war 145 m x 110 m groß und wurde auf einer Hangterrasse in drei Kilometern Entfernung zum südlichen Rheinufer angelegt. Bereits in karolingischer Zeit waren eine Königshalle (Aula Regia) nach dem Vorbild antiker Basiliken und ein Halbkreisbau (Exedra) kennzeichnend für den Gesamtgrundriss der Pfalz. Die Form und Anordnung der Gebäude lässt einen geschlossenen Bauplan erkennen, der nach dem Ergebnis der archäologischen Grabungen jedoch nicht vor dem 10. Jahrhundert vollendet worden ist. Die Aula regia war ein einschiffiger Apsidensaal von 40,5 m x 16,5 m Größe mit einem Narthex vor dem Hauptzugang auf der Nordseite und seitlichen Portalen an Ost- und Westseite. Am südlichen Saalende kann man noch heute die Mauerreste der Thronapsis sehen. Zu den Resten der Innenausstattung zählen 3000 Fragmente des verschiedenfarbig bemalten Wandputzes und Bodenplatten aus Marmor und Porphyr, die man teilweise im Besucherzentrum und Museum bei der Kaiserpfalz besichtigen kann. Über der linken Eckquaderung der Apsis ist ein Kämpferstein in Originallage erhalten, der den Fußpunkt eines Triumphbogens über der Apsis bildete. Damit lässt sich die Traufhöhe der Aula regia auf 13 m rekonstruieren und die Firsthöhe auf 19 m.

Der Halbkreisbau besaß einen Durchmesser von 89 m, war mindestens zweigeschossig und wies auf der Außenseite sechs Rundtürme auf, die zum Teil komplexe wasserführende Einrichtungen enthielten. Die Türme hatten aber auch eine wichtige repräsentative Funktion: Vermutlich hatte man insbesondere zum Ziel, das Aussehen der Pfalz von dieser Seite groß und städtisch wirken zu lassen. Der Halbkreisbau umspannt die ganze Breite der Pfalzbebauung. In der Architektur des frühen Mittelalters ist Ingelheim gemeinsam mit der Königspfalz Samoussy/Frankreich das einzige Beispiel für einen halbkreisförmig gebogenen Gebäuderiegel. Das Innere war durch radial verlaufende Mauern in sechs oder sieben Säle gegliedert, die von einem Säulengang aus zugänglich waren. Im Scheitelpunkt des Halbkreisbaus befand sich zu karolingischer Zeit eine Toröffnung, das so genannte „Heidesheimer Tor“.

Die Öffnung wurde von zwei kleineren Durchgängen flankiert. Diese führten in gewölbte Gänge, die dann in den Außentürmen auf der Außenseite des Halbkreisbaus endeten. Die beiden Durchgänge und die sich anschließenden Gänge sind noch heute zu sehen. An einer der Öffnungen befindet sich noch ein Sandsteinsturz in Originallage. Die karolingischen Türöffnungen sind heute Bestandteil eines Stücks der Wehrmauer, die jedoch erst in staufischer Zeit errichtet wurde. In karolingischer Zeit war die Pfalz noch nicht befestigt. Nach West schlossen sich ein Saalbau und der lang gestreckte Nordflügel mit Säulenhof an. Hier wurde im Jahre 2004 bei einer Ausgrabung im Innern der Kernbebauung, nördlich der Saalkirche die karolingische Pfalzkirche entdeckt. Vorher war es unklar, welche Kirche zu karolingischer Zeit als Kapelle genutzt wurde (siehe: Sakraltopographie der Kaiserpfalz Ingelheim).

Die Architektur der karolingischen Kaiserpfalz in Ingelheim ist durch antike Vorbilder geprägt, was sich an der Form einiger Hauptgebäude wie Aula regia, Exedra oder Trikonchos ablesen lässt. Auch der geschlossene Gesamtgrundriss und die Lagebezogenheit der Bauteile zueinander ähneln dem römischen Palast- und Villenbau.

 

Unter ottonischer Herrschaft wird Ingelheim wieder bevorzugt aufgesucht. Otto I. ist beispielsweise mindestens zehnmal in Ingelheim nachweisbar – so oft wie in Aachen. Im Juni 948 kam es in Ingelheim zu einer wichtigen Synode, die das Schisma am erzbischöflichen Stuhl von Reims klären sollte; die Synode fand allerdings nicht im engeren Pfalzareal statt, sondern in der Remigiuskirche, die sich westlich des Pfalzgebiets befindet. Weitere Reichssynoden fanden 958, 972, 980, 993 und 996 statt. In die kurze Regierungszeit Ottos II. fallen zwei Osterfeste (977 und 980) sowie eine Reichssynode (980) die in Ingelheim abgehalten wurden. Otto III. ist am häufigsten in Ingelheim nachweisbar. Auffällig ist hierbei die zeitgleiche Anwesenheit der Kaiserinnen Theophanu und Adelheid, die in der Phase seiner unselbständigen Regentschaft die Regierungsgeschäfte für den Kindkönig Otto III. führten. Die Bevorzugung der Pfalz lag vermutlich darin begründet, dass im benachbarten Mainz der Erzbischof Willigis residierte, welcher gleichzeitig der Onkel Ottos III. war und dessen Autorität und politischer Einfluss ihn zu einem der mächtigsten Großen des Reiches gemacht hatte. Nach 994, als Otto III. vierzehn Jahre alt war, wurde zeitgleich mit der Übernahme der Regierungsgeschäfte Aachen zu seiner bevorzugten Pfalz.

In ottonischer Zeit wurde die Kaiserpfalz mit sechs nachgewiesenen Aufenthalten nach Quedlinburg und Aachen zu einer der bevorzugteren Osterpfalzen. Das Osterfest in der Pfalz war für damalige Herrscher besonders von Bedeutung, da sie an diesem hohen kirchlichen Festtag ihre Macht und ihren Reichtum durch eine symbolische Festkrönung jedes Jahr erneut nach außen tragen konnten.

Während des 11. und Anfang des 12. Jahrhunderts fanden nach Angabe der literarischen Quellen nur vereinzelte Herrscheraufenthalte statt.

Aufgrund der archäologischen Untersuchung von Baubefunden lässt sich eine Renovierung und ein leichter Ausbau der Pfalzanlage im 10. Jh. vermuten. Anhand der Untersuchung von erhaltenen Gerüstbalken im Bereich der Königshalle (Dendrochronologie) konnte eine Renovierung derselben in die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts datiert werden. Östlich neben der Aula regia wurde die Saalkirche errichtet, eine einschiffige Kreuzkirche, deren Name sich nicht von der architektonischen Bauform ableitet, sondern von ihrem Standort in der Flur „Im Saal“. Die Kirche ist weitaus größer als ihre Vorgängerbauten (siehe Die Sakraltopographie der Kaiserpfalz Ingelheim). Anders als bei anderen Kirchenbauten dieser Zeit liegt ihre Apsis nicht genau im Osten, sondern im Nordosten. So fügt sie sich perfekt in den karolingischen Bauplan ein.

Obwohl die nachgewiesene Verstärkung von Mauerwerk und das Ausheben eines Grabens auf leichte Fortifikationsmaßnahmen schließen lassen, bleibt zu dieser Zeit die Struktur und Ausdehnung der karolingischen Pfalzanlage erhalten.

 

Die Stauferkaiser sind insgesamt nur viermal in Ingelheim nachweisbar, allerdings ohne besonderen politischen Zusammenhang.

Friedrich I. Barbarossa war vielleicht ein Mal in Ingelheim, und zwar bei einem Zusammentreffen mit Hildegard von Bingen, sofern der Hinweis darauf in einem angeblichen Brief des Kaisers an sie echt ist, vielleicht im Jahr 1154 oder 1163. Nach ihrer Wiederherstellung und Befestigung diente die Pfalz hauptsächlich der Territorialpolitik und –sicherung und wurde wahrscheinlich von Burgmannen bewohnt. Ihre Bedeutung für politische, religiöse und gesellschaftliche Großveranstaltungen hatte sie wie andere ländliche Pfalzen bereits im 11. Jh. verloren, nachdem Heinrich III. 1043 sein Hochzeitsfest für die Eheschließung mit Agnes von Poitou in Ingelheim gefeiert hatte. Danach gibt es lange Zeit kaum schriftliche Überlieferungen zur Kaiserpfalz, bis sich Karl IV. 1354 als letzter Herrscher hier aufhält. Dieser Aufenthalt Karls IV. wird durch eine Urkunde zur Gründung eines Augustinerchorherrenstifts zur Betreuung der Aachenpilger aus Böhmen bezeugt. Die Kanoniker übernehmen nun die Pfalzgebäude.

1375 wurde das gesamte Reichsterritorium Ingelheims durch denselben Karl IV. an Kurpfalz verpfändet. Das Pfalzgebiet stand danach ebenso wie der gesamte „Ingelheimer Grund“ bis zur Französischen Revolution unter kurpfälzischer Herrschaft.

In der Quelle „Gesta Frederici“ von Rahewin heißt es, der zweite Stauferkaiser Friedrich I. Barbarossa hätte die Pfalz Ingelheim ausgebaut und „aufs angemessenste wieder hergestellt“. Sicher ist jedoch nur, dass die Pfalz zur Stauferzeit befestigt wurde. Diese baulichen Entwicklungen sind sicher nicht nur an einer Person festzumachen, sondern waren langwierige Prozesse, die auch noch in jüngerer Zeit stattfanden. Das Gebiet „Im Saal“ wurde zu einer burgartigen Befestigung ausgebaut und damit in das staufische Verteidigungssystem im Westen des Reiches einbezogen. Im Bereich des Heidesheimer Tors bedeutet dies, dass der aus der Karolingerzeit stammende Halbkreisbau im Osten mit dem Heidesheimer Tor fortifikatorisch ausgebaut wurde: Das ursprüngliche Tor wurde zugemauert und die oberen Mauerwerksbereiche ganz abgebrochen und durch eine Wehrmauer ersetzt. Der gesamte Aufriss des Heidesheimer Tores wurde als Wehrmauer mit Zinnen und Schießscharten ausgebaut. Innen zog man einen Wehrgang ein. Die Außentürme wurden abgetragen. Die Saalkirche wurde zu dieser Zeit renoviert und erhielt an Chor, Vierung und Außenbau romanischen Bauschmuck. Die ursprüngliche Gebäudeanordnung blieb im Wesentlichen erhalten, die Anlage wurde jedoch nach Süd in der Grundfläche verdoppelt und mit einer Wehrmauer umgeben. Nach dem heutigen Forschungsstand ist noch nicht zu erkennen, ob innerhalb dieser Befestigung neue repräsentative Gebäude errichtet wurden oder ein Siedlungsareal befestigt wurde.

 


Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Ingelheimer Kaiserpfalz aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

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Schultheiß Claß
Kommentare zu diesem Ort



Schultheiß Claß
schrieb am 28.03.2014 um 13:16 Uhr
Eine sehr schne und top gepflegte Anlage. Infotafeln verdeutlichen den frheren Umfang der Gebude von denen heute nur noch ein Rest erhalten ist. Ein schner Spielplatz direkt an der Anlage ldt dazu ein dort die Kinder "zwischenzuparken" damit sich die Eltern die Anlage in Ruhe anschauen knnen.

berliner in bonn
schrieb am 17.05.2012 um 07:15 Uhr
Zwar nur durchgefahren, aber ein Besuch steht auf dem Plan...

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